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Gefährlicher Husten

Vier Millionen Menschen leiden in Deutschland an der Lungenkrankheit COPD. Heilung ist nicht möglich, aber Linderung

VON GERLINDE FELIX

Regelmäßiger Husten? Nichts Ernstes, denken viele. Aber Räuspern, rasselnder Atem und Keuchen sind nicht normal. Sie weisen vielmehr auf ein unterschätztes und oft erst spät diagnostiziertes Leiden hin: Auf COPD, der behandlungsbedürftigen chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung. Vier Millionen Menschen in Deutschland leiden daran.

Etwa zwölf Prozent der Deutschen über 40 Jahre und 15 bis 20 Prozent der über 70-Jährigen haben eine COPD. Dies ist ein Sammelbegriff für die chronischobstruktive Bronchitis mit Atemnot, Lungenemphysem mit einem Abbau von Lungengewebe und für viele Mischformen. Bei der komplexen Erkrankung kommt es zu entzündlichen Prozessen in den unteren Atemwegen. Auch mehren sich die Hinweise, dass sie nicht als reine Erkrankung der Lunge, sondern als "chronic systemic inflammatory syndrome", also als chronisches, den ganzen Körper betreffendes entzündliches Syndrom zu sehen ist. "Auffallend ist nämlich, dass COPD häufig mit anderen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rheuma, Osteoporose, Herzinsuffizienz und auch Krebs auftritt", sagt Lungenexperte Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Was passiert in der Lunge? Der ständige Entzündungsreiz lässt die Schleimhaut anschwellen, die die unteren Luftwege auskleidet. Diese verengen sich. Die Bronchialmuskulatur ist ständig verkrampft. Außerdem bildet sich zäher Schleim und sammelt sich in den Bronchien an. Beim Lungenemphysem werden dagegen die Trennwände der für den Gasaustausch zuständigen Lungenbläschen am äußersten Ende der Bronchiolen durch Enzymeinwirkung zerstört, so dass sie zu einer großen Blase werden. Obgleich die Lunge voller Luft ist, leidet der Betroffene dann an Atemnot. Denn die Oberfläche des Gewebes, an dem der Sauerstoff aus der Luft ins Blut gelangt, ist bei einer großen Blase kleiner, als an vielen kleinen Bläschen.

Etwa 90 Prozent der Patienten sind Raucher oder Ex-Raucher. Zwischen dem Rauchbeginn und einer COPD liegen im Durchschnitt 20 bis 25 Jahre. Die Überflutung der Lunge mit den Verbrennungsprodukten von Zigaretten ist in den westlichen Industrieländern der Risikofaktor Nr. 1, aber auch Feinstäube, Industrie- und Autoabgase verursachen die chronische Entzündung in den unteren Atemwegen. So entwickelt jeder vierte bis fünfte Raucher eine COPD. Frauen haben ein vier- bis fünfmal so hohes Risiko wie rauchende Männer. Je länger und je mehr Zigaretten pro Tag geraucht werden, desto höher ist das Risiko, an einer COPD zu erkranken. Mittlerweile geht man davon aus, dass es eine genetische Komponente gibt, die dafür sorgt, dass manche Mensehen für COPD anfälliger sind.

"Leider wird diese Lungenerkrankung oft erst im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Viele Menschen sehen ihren Raucherhusten als etwas völlig Normales an, er gehört halt zum Rauchen dazu. "Ein fataler Irrtum", warnt Welte. Er rät: "Um die Lungenerkrankung möglichst frühzeitig zu entdecken, sollte, wer länger als drei Wochen Husten oder Auswurf hat oder unter Belastung an Atemnot leidet, unbedingt einen Lungenfunktionstest machen lassen. Wer keinen Husten hat, aber seit 20 Jahren täglich ein Schachtel Zigaretten raucht, sollte sich auch einer lungenfachärztlichen Untersuchung unterziehen."

Genau genommen miisste diese Fragestellung Teil des zweijährlichen Checkups beim Hausarzt sein. "Aber Patienten mit Belastungsatemnot werden häufig zum Kardiologen überwiesen, der seinerseits erst im zweiten Schritt an die Lunge denkt. Dabei ist eine Behandlung der COPD desto erfolgreicher, je früher man damit beginnt", sagt Welte.

Ganz wichtig sei, dass die Betroffenen fortan Schadstoffe wie Tabakrauch und andere Luftschadstoffe meiden. Wer raucht, sollte damit aufhören. Wer passiv mitraucht, sollte künftig dieser Belastung aus dem Weg gehen. Tritt Atemnot auf, beginnt nämlich der Teufelskreis: Die Betroffenen sind nur eingeschränkt körperlieh belastbar, bewegen sich deshalb weniger, was zum Abbau von Muskulatur führt und den Knochenabbau begünstigt.

Zwar ist es bislang nicht möglich, eine COPD zu heilen, aber die Beschwerden lassen sich medikamentös lindern. Bronchodilatatoren, zu denen sogenannte Beta2-Sympathomimetika und Anticholinergika zählen, verringern beispielsweise die Muskelspannung der Bronchien. Die Luftwege sind dann nicht länger chronisch verengt. Kortikosteroide werden, wenn es zu einer starken Verschlechterung des Gesundheitszustandes kommt, wenn also der Husten sich festsetzt, wegen ihrer entzündungshemmenden Effekte inhaliert. Der Sinn dahinter: Verschlechtert sich der Gesundheitszustand derartig, dann liegt das oft an Infekten.

Weiterhin raten Mediziner, Atemtechniken und atmungserleichternde Körperpositionen zu erlernen und - ganz wichtig - sich unter ärztlicher Anleitung körperlich zu betätigen. Und es ist wichtig, dass COPD-Patienten sich vor weiteren Krankheiten in Acht nehmen. "Sie sollten sich gegen Grippeviren und Pneumokokken impfen lassen", sagt Welte.

(Berliner Morgenpost vom 02.08.11)